| Veröffentlicht in: 'Prinz' Frankfurt, 08/02, Seite 16:
Drei Frankfurter haben eine Geisterstadt gekauft, um sie als Ort der Kultur
wiederzubeleben
Die glorreichen Drei
Irgendwo in Texas, etwa 130 Meilen östlich von El Paso, stehen fünf Häuser,
ein Motel, eine Tankstelle und ein Swimmingpool. Der nächste große Supermarkt
ist drei Autostunden entfernt, ab und zu rauscht der Union Pacific Train vorbei
und die Sonne geht filmreif am Horizont unter.
Das ist Lobo.
Eine ganz normale Stadt in der Wüste Amerikas? Nicht ganz. Seit 1981 ist Lobo
ausgestorben, eine Geisterstadt. Aber das soll sich jetzt ändern. Drei Frankfurter
wollen Lobo wieder Leben einhauchen. Der IT-Spezialist Claus-Peter fuhr
vor Jahren an diesem kleinen Teil des Wilden Westens vorbei, fing an zu träumen
und erzählte Alexander , damals noch Betreiber des Dreikönigskellers,
davon. Der wiederum begeisterte Annette , Kuratorin der Galerie Fruchtig
und am Mousonturm, von der Idee, die Stadt gemeinsam zu kaufen. Verrückt. Aber:
geträumt, getan.
Zusammen mit Investoren, Neu-Bürgern und Freunden wird nun der Wiederaufbau
finanziert. Die Vision: ein Ort, an dem Menschen in der Abgeschiedenheit der
Wüste ihre Ideen realisieren, an dem Festivals, Kunstausstellungen und Partyevents
stattfinden. Annette ist gerade aus Texas zurück, zeigt Fotos und schwärmt
von ihren Eindrücken: "Lobo ist ein Fleckchen mit 'Soul'. Es liegt wunderschön
zwischen zwei Bergketten - und nachts leuchten Milliarden Sterne vom Himmel."
Fast alle Wohneinheiten hat sie schon an befreundete Künstler und Interessierte
verkauft. Jetzt wird gewerkelt. "Erstmal haben wir die Basics eingerichtet: das
Duschhaus, den Brunnen und die Stromleitungen in Stand gesetzt."
Im Gegensatz zur benachbarten Künstlerkolonie Marfa, die von dem Minimalisten
Donald Judd gegründet wurde, wird Lobo immer rau bleiben. "Wir übersetzen Lobo
auch mit 'Low Life Bohemians'. Das heißt: Wir haben die Ideen und die Bildung,
aber kaum Geld", sagt Annette . Daher sind die Neugründer auch für jeden
"Friend of Lobo" dankbar, der das Projekt mit einer einmaligen Spende von 200
Euro unterstützt. Geld, das nicht in den Wüstensand gesetzt ist. Außer der
kostenlosen Teilnahme an allen kulturellen Veranstaltungen erhält man dafür
auch lebenslanges Aufenthaltsrecht in der Stadt. Und das bedeutet Freiheit,
das meistgesagte Wort von Annette - neben Umschreibungen für
Ursprünglichkeit: "Dort hat sich nicht viel verändert. Wie in alten
Western-Filmen werfen Cowboys auf Pferden immer noch ihre Lassos nach Rindern
aus. Allein an den Handys in ihren Hüfttaschen erkennt man, dass wir im Jahr
2002 leben."
Sylvia Meilin Weber
(Prinz Frankfurt, 08/02, Seite 16)
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