FRANKFURT. Ein breitrandiger Hut schützt Gesicht und Nacken vor der Sommersonne. Um den
Hals schlingt sich ein großes, buntes Taschentuch. Baumwollhemd und Arbeitshose runden das
Outfit des Cowgirls ab. Statt der Stiefel trägt die schwarzhaarige Frau auf dem Bild jedoch
Turnschuhe. "Da liegt Lobo", sagt die Frankfurterin Annette und tauscht das Fotoalbum
gegen den Atlanten. Sie deutet auf einen kleinen Punkt in Texas. El Paso, die Metropole mit
all ihrem Trubel ist 130 Meilen entfernt. Nur gelegentlich unterbricht in Lobo das Zischen
der Union Pacific Railway die Stille der Prärie. Die perfekte Idylle im Südwesten der
Vereinigten Staaten? Nicht ganz. Ein Vierteljahrhundert war Lobo ausgestorben.
Gemeinsam mit dem IT-Spezialisten Claus-Peter und Alexander , dem
ehemaligen Betreiber des Dreikönigskellers in Frankfurt, will der Geisterstadt neues
Leben einhauchen. Die Vision der "Stadtbesitzer", die bis auf weiteres nur als Touristen
ihren Grund und Boden besuchen dürfen, ist ehrgeizig. An den Ausläufern der Guadalupe
Mountains soll ein "weltweit einzigartiger" Veranstaltungsort für Festivals,
Kunstausstellungen, Musik- und Filmevents entstehen.
Bevor sich aus dem staubigen Sand allerdings eine Kultur-Oase erhebt, müssen die Ärmel
im Wortsinn hochgekrempelt werden. Auf einer Fläche von rund 42.000 Quadratmetern befinden
sich ein Swimmingpool, ein Duschhaus, eine Tankstelle, ein Mehrzweckgebäude, ein Motel und
fünf Häuser. "Eigentlich sind es mehrere Wände und Steinsammlungen", scherzt . Die
Eröffnungsfeier ist für Mai nächsten Jahres geplant. "Aber", da ist sich die
Sechsundreißigjährige sicher, "dann sind wir noch nicht fertig. Wir haben schließlich alle
einen Beruf." Das abenteuerliche Projekt ist dennoch gut angelaufen. Dank der Kontakte der
Restauratorin und Galeristin sind schon fast alle Wohneinheiten verkauft. Gewinne will man
nicht nachen: "Alle Einnahmen werden in die Infrastruktur investiert."
Geboren wurde die Idee während einer Motorrad-Tour, als "die Männer" den verlassenen
Landstrich entdeckten. Eine Gegend, die in Erzählungen an die romanisch-rauhe Pionierzeit
erinnert: Lagerfeuer knistern unter dem Sternenmeer, und hinter einer Bergkette schlingelt
sich der Rio Grande. Was lange nur im Hinterkopf des Trios schlummerte, wurde im Oktober 2001
Wirklichkeit. Als Lobo im Register des Countys zurn Verkauf angeboten wurde, griffen die
Freunde zu. Blitzschnell, wie sagt: "Weil noch zwei Mitbewerber im Rennen waren."
Der Preis gehört zum Betriebsgeheimnis. Ein fünfstelliger Betrag, in der Höhe mit einer
Mittelklasselimousine zu vergleichen. Ein wenig gewagt scheint das Projekt schon. Zumal
gesteht, "daß eigentlich keiner von uns das Geld überhatte". Was die gebürtige
Offenbacherin an dem Leben fernab der Heimat fasziniert? "Die Möglichkeit, sich zu
verwirklichen. Der Freiraum, etwas so zu gestalten und nicht in ein vorgegebenes Schema
gepreßt zu werden." Bedingungen, die Lobo offenbar erfüllt. Selbst Politik spiele dort keine
Rolle. "Das einzige, was man mit der Regierung zu tun hat, ist, daß alle zehn Jahre eine
Maschine weiße Striche auf dem Highway zieht."
Außer den drei Eigentümern zählt Lobo bereits 13 Einwohner - sie kommen aus Hamburg,
Wiesbaden und Frankfurt. Vom Steuerberater über Künstler bis hin zur Schriftstellerin sei
alles vertreten. "Zunächst haben wir uns um die Basics gekümmert", berichtet . So
wurden Gebäude entrümpelt, Dächer repariert, Löcher zugenagelt und die Stromleitungen
instand gesetzt. Selbst Rückschläge wie der Einsturz eines Brunnens können die Begeisterung
kaum dämpfen.
Die Abenteurer haben kurzerhand dem spanischstämmigen Stadtnamen eine neue Definition
verpaßt. "Lobo heißt eigentlich Wolf, weil es früher viele Wolfsrudel hier gab", erklärt
. Für sie bedeute es aber auch die Abkürzung von "Low Life Bohemians". Der Begriff
charakterisiere Menschen, die einen gewissen Bildungsstand, aber kaum Geld hätten. Daher
sei man über jede Hilfe dankbar - finanziell wie tatkräftig. Belohnt wird das Engagement
mit der Ernennung zum "Friend", "Good Friend" oder "Honory Citizen of Lobo". Als solcher
darf man sich dann Zeit seines Lebens bis zu einem Monat im Jahr in Lobo aufhalten und
unentgeltlich an kulturellen Veranstaltungen teilnehmen.
Wer eine Bleibe im Südwesten der Vereinigten Staaten sucht, kann sich als Einwohner in
Lobo ansiedeln. Eine Vorstellung, die auch Annette nicht gänzlich wegwischt. "Das
würde ich nicht ausschließen." Bis jetzt gestattet ihr das Gesetz nur ein dreimonatiges
Besuchsrecht. Doch wer weiß, vielleicht wird der einstige Bonanza-Fan schon bald von der
eigenen Kindheit eingeholt.
Der Kauf einer Geisterstadt: von Privat an Privat
Lobo liegt Im Südwesten von Texas, etwa 130 Meilen von der 500.000-Einwohner-Stadt
El Paso entfernt. Die Geschichte der Stadt begann vor mehr als 150 Jahren mit der Entdeckung
eines Brunnens. Der Van Horn Well war die einzige Quelle im Umkreis von fast 100 Meilen.
Deshalb stoppte auch die Postkutsche von San Antonio nach San Diego in dem kleinen Wüstenort.
1882 ersetzte die Eisenbahn das Pferdegespann. Da die Dampfrösser wesentlich durstiger als
ihre Vorgänger waren, entschieden die Stadtväter, einen neuen Brunnen zu bauen. In der
Folge wurde Lobo zur Depot- und Verladestelle. 1911 bemühte man sich um den Titel der
Kreisstadt des neu gegründeten Culberson County. Den Zuschlag erhielt jedoch das zwölf
Meilen entfernte Van Horn.
Die Aussicht, in bescheidenen Verhältnissen ihr Glück zu finden, lockte immer
mehr Menschen nach Lobo. 1962 zählte die Einwohnerkartei mehr als 90 Einträge, zuvor war es
nur ein gutes Dutzend. Bald schon sank aber der Wasserspiegel dramatisch. Das Naß aus den
Brunnen konnte nicht mehr gleichzeitig Bewohner, Industrie und Lokomotiven versorgen. Der
Bau eines Bahnhofs im benachbarten Van Horn machte die Station in Lobo überflüssig. Nur
wenige Männer und Frauen harrten dennoch aus. 1969 kaufte der Privatmann Bill Christ die
Stadt. Er eröffnete eine Tankstelle und einen General Store. Zunächst liefen die Geschäfte
gut. Alkohol, Drogen und Kriminalität machten aber auch vor der kleinen Provinz im Südwesten
der Vereinigten Staaten nicht halt. Als der General Store 1976 ausgeraubt und niedergebrannt
worden war, zog sich Christ zurück. 1988 versuchte er es abermals: Er baute ein Motel und
wollte so den von Weidegebieten geprägten Landstrich beleben. Vergebens.
Im Oktober 2001 haben Annette , Claus-Peter und Alexander
die Geisterstadt gekauft. Ein Vorgang, der ohne großen Aufwand abgewickelt wurde. Das Trio
einigte sich direkt mit dern letzten Besitzer des Fleckchens, John Landry. Die
Kontaktadresse wurde über eine Auskunftstelle des County erfragt. Mit der Unterzeichnung
des Kaufvertrags und dem offiziellen Grundbucheintrag war der Deal perfekt. (plün)
(Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 15.09.2002, Seite R5)
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