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Lobo in der Presse: FAZ (15.09.02)

Veröffentlicht in 'Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung', 15.09.2002, Seite R5:

Lobo - Stadt mit Pool für eine Handvoll Dollar

Bürgermeister in Texas? Freunde aus dem Rhein-Main-Gebiet haben sich geleistet, was inzwischen mehr als ein Spaß ist.

VON THOMAS PLONNECKE

(c) 2002 FAZ
[ Original-Artikel ]

FRANKFURT. Ein breitrandiger Hut schützt Gesicht und Nacken vor der Sommersonne. Um den Hals schlingt sich ein großes, buntes Taschentuch. Baumwollhemd und Arbeitshose runden das Outfit des Cowgirls ab. Statt der Stiefel trägt die schwarzhaarige Frau auf dem Bild jedoch Turnschuhe. "Da liegt Lobo", sagt die Frankfurterin Annette und tauscht das Fotoalbum gegen den Atlanten. Sie deutet auf einen kleinen Punkt in Texas. El Paso, die Metropole mit all ihrem Trubel ist 130 Meilen entfernt. Nur gelegentlich unterbricht in Lobo das Zischen der Union Pacific Railway die Stille der Prärie. Die perfekte Idylle im Südwesten der Vereinigten Staaten? Nicht ganz. Ein Vierteljahrhundert war Lobo ausgestorben.

Gemeinsam mit dem IT-Spezialisten Claus-Peter und Alexander , dem ehemaligen Betreiber des Dreikönigskellers in Frankfurt, will der Geisterstadt neues Leben einhauchen. Die Vision der "Stadtbesitzer", die bis auf weiteres nur als Touristen ihren Grund und Boden besuchen dürfen, ist ehrgeizig. An den Ausläufern der Guadalupe Mountains soll ein "weltweit einzigartiger" Veranstaltungsort für Festivals, Kunstausstellungen, Musik- und Filmevents entstehen.

Bevor sich aus dem staubigen Sand allerdings eine Kultur-Oase erhebt, müssen die Ärmel im Wortsinn hochgekrempelt werden. Auf einer Fläche von rund 42.000 Quadratmetern befinden sich ein Swimmingpool, ein Duschhaus, eine Tankstelle, ein Mehrzweckgebäude, ein Motel und fünf Häuser. "Eigentlich sind es mehrere Wände und Steinsammlungen", scherzt . Die Eröffnungsfeier ist für Mai nächsten Jahres geplant. "Aber", da ist sich die Sechsundreißigjährige sicher, "dann sind wir noch nicht fertig. Wir haben schließlich alle einen Beruf." Das abenteuerliche Projekt ist dennoch gut angelaufen. Dank der Kontakte der Restauratorin und Galeristin sind schon fast alle Wohneinheiten verkauft. Gewinne will man nicht nachen: "Alle Einnahmen werden in die Infrastruktur investiert."

Lobo - Stadt mit Pool (c) 2002 Lobo,Tx

Geboren wurde die Idee während einer Motorrad-Tour, als "die Männer" den verlassenen Landstrich entdeckten. Eine Gegend, die in Erzählungen an die romanisch-rauhe Pionierzeit erinnert: Lagerfeuer knistern unter dem Sternenmeer, und hinter einer Bergkette schlingelt sich der Rio Grande. Was lange nur im Hinterkopf des Trios schlummerte, wurde im Oktober 2001 Wirklichkeit. Als Lobo im Register des Countys zurn Verkauf angeboten wurde, griffen die Freunde zu. Blitzschnell, wie sagt: "Weil noch zwei Mitbewerber im Rennen waren."

Der Preis gehört zum Betriebsgeheimnis. Ein fünfstelliger Betrag, in der Höhe mit einer Mittelklasselimousine zu vergleichen. Ein wenig gewagt scheint das Projekt schon. Zumal gesteht, "daß eigentlich keiner von uns das Geld überhatte". Was die gebürtige Offenbacherin an dem Leben fernab der Heimat fasziniert? "Die Möglichkeit, sich zu verwirklichen. Der Freiraum, etwas so zu gestalten und nicht in ein vorgegebenes Schema gepreßt zu werden." Bedingungen, die Lobo offenbar erfüllt. Selbst Politik spiele dort keine Rolle. "Das einzige, was man mit der Regierung zu tun hat, ist, daß alle zehn Jahre eine Maschine weiße Striche auf dem Highway zieht."

Außer den drei Eigentümern zählt Lobo bereits 13 Einwohner - sie kommen aus Hamburg, Wiesbaden und Frankfurt. Vom Steuerberater über Künstler bis hin zur Schriftstellerin sei alles vertreten. "Zunächst haben wir uns um die Basics gekümmert", berichtet . So wurden Gebäude entrümpelt, Dächer repariert, Löcher zugenagelt und die Stromleitungen instand gesetzt. Selbst Rückschläge wie der Einsturz eines Brunnens können die Begeisterung kaum dämpfen.

Die Abenteurer haben kurzerhand dem spanischstämmigen Stadtnamen eine neue Definition verpaßt. "Lobo heißt eigentlich Wolf, weil es früher viele Wolfsrudel hier gab", erklärt . Für sie bedeute es aber auch die Abkürzung von "Low Life Bohemians". Der Begriff charakterisiere Menschen, die einen gewissen Bildungsstand, aber kaum Geld hätten. Daher sei man über jede Hilfe dankbar - finanziell wie tatkräftig. Belohnt wird das Engagement mit der Ernennung zum "Friend", "Good Friend" oder "Honory Citizen of Lobo". Als solcher darf man sich dann Zeit seines Lebens bis zu einem Monat im Jahr in Lobo aufhalten und unentgeltlich an kulturellen Veranstaltungen teilnehmen.

Wer eine Bleibe im Südwesten der Vereinigten Staaten sucht, kann sich als Einwohner in Lobo ansiedeln. Eine Vorstellung, die auch Annette nicht gänzlich wegwischt. "Das würde ich nicht ausschließen." Bis jetzt gestattet ihr das Gesetz nur ein dreimonatiges Besuchsrecht. Doch wer weiß, vielleicht wird der einstige Bonanza-Fan schon bald von der eigenen Kindheit eingeholt.


Der Kauf einer Geisterstadt: von Privat an Privat

Lobo - Stadt für eine Handvoll Dollar (c) 2002 Lobo,Tx

Lobo liegt Im Südwesten von Texas, etwa 130 Meilen von der 500.000-Einwohner-Stadt El Paso entfernt. Die Geschichte der Stadt begann vor mehr als 150 Jahren mit der Entdeckung eines Brunnens. Der Van Horn Well war die einzige Quelle im Umkreis von fast 100 Meilen. Deshalb stoppte auch die Postkutsche von San Antonio nach San Diego in dem kleinen Wüstenort. 1882 ersetzte die Eisenbahn das Pferdegespann. Da die Dampfrösser wesentlich durstiger als ihre Vorgänger waren, entschieden die Stadtväter, einen neuen Brunnen zu bauen. In der Folge wurde Lobo zur Depot- und Verladestelle. 1911 bemühte man sich um den Titel der Kreisstadt des neu gegründeten Culberson County. Den Zuschlag erhielt jedoch das zwölf Meilen entfernte Van Horn.

Die Aussicht, in bescheidenen Verhältnissen ihr Glück zu finden, lockte immer mehr Menschen nach Lobo. 1962 zählte die Einwohnerkartei mehr als 90 Einträge, zuvor war es nur ein gutes Dutzend. Bald schon sank aber der Wasserspiegel dramatisch. Das Naß aus den Brunnen konnte nicht mehr gleichzeitig Bewohner, Industrie und Lokomotiven versorgen. Der Bau eines Bahnhofs im benachbarten Van Horn machte die Station in Lobo überflüssig. Nur wenige Männer und Frauen harrten dennoch aus. 1969 kaufte der Privatmann Bill Christ die Stadt. Er eröffnete eine Tankstelle und einen General Store. Zunächst liefen die Geschäfte gut. Alkohol, Drogen und Kriminalität machten aber auch vor der kleinen Provinz im Südwesten der Vereinigten Staaten nicht halt. Als der General Store 1976 ausgeraubt und niedergebrannt worden war, zog sich Christ zurück. 1988 versuchte er es abermals: Er baute ein Motel und wollte so den von Weidegebieten geprägten Landstrich beleben. Vergebens.

Im Oktober 2001 haben Annette , Claus-Peter und Alexander die Geisterstadt gekauft. Ein Vorgang, der ohne großen Aufwand abgewickelt wurde. Das Trio einigte sich direkt mit dern letzten Besitzer des Fleckchens, John Landry. Die Kontaktadresse wurde über eine Auskunftstelle des County erfragt. Mit der Unterzeichnung des Kaufvertrags und dem offiziellen Grundbucheintrag war der Deal perfekt. (plün)

(Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 15.09.2002, Seite R5)


Online-Ausgabe

Dieser Artikel wurde auch in der Online-Ausgabe der FAZ auf www.faz.net veröffentlicht:
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