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Lobo in der Presse: Journal Frankfurt 09/03 (29.04.03)

Veröffentlicht in 'Journal Frankfurt' 09/03, 29.04.2003, Seite 30-33:

Aufbau Wildwest

Annette und Claus-Peter aus Frankfurt haben zusammen mit dem Ex-Frankfurter US-Bürger Alexander im Süden von Texas eine Geisterstadt gekauft und diese zu einem kulturellen Experementierfeld umgewandelt. Ende Mai wird der ultimative Off-Space Lobo eingeweiht.

VON SILKE HOHMANN

(c) 2002 Journal Frankfurt
[ Original-Artikel ]

"So ein Dust-Devil ist gar nicht weiter schlimm", sagt Annette . Mit einer wirbelnden Staubsäule von zwanzig Metern Höhe könne man es durchaus aufnehmen, versichert sie. Schlimmer sei da zum Beispiel ein Kreislaufkollaps beim Dachdecken. Blöd nämlich, wenn man bei 50 Grad Celsius und brezelnder Sonne in die flüssige Teerpappe sinkt. Auch schlimm: schlechtes Werkzeug. Ein echtes Reizthema. Gäbe es weniger schlechtes Werkzeug auf Erden, Annette schwört, der Welttrieden wäre möglich. Aber zum Glück haben die amerikanischen Baumärkte, die segensreichen Hardwarestores, für die praktische Umsetzung auch vollkommen absurder Ideen alles Nötige im Sortiment. Also auch für den Plan, ein vor zwanzig Jahren verlassenes winziges und reichlich verrottetes Wüstenkaff wieder aufzubauen. Diesen Plan nämlich fasste die Macherin der Galerie Fruchtig zusammen mit zwei Mitstreitern. Jetzt wird er ausgeführt, und Annette bald das Amt der Kulturdezernentin einer temporär von einer Hand voll Individualisten bewohnten Ansiedlung an der Grenze zu Mexiko antreten.

(c) 2002 Journal Frankfurt
[ Original-Artikel ]

"Ihr werdet Steinhaufen finden, die Häusern entfernt gleichen. Mit löchrigen Dächern. Erwartet keinen Deut mehr", sprachen die drei zu den Anwärtern auf eine Immobilie in Lobo, Texas. Für jene kleine kaputte Stadt hatte der Ex-Frankfurter und Ex-Dreikönigskeller-Macher Alexander zusammen mit dem Computerfachmann Claus-Peter und Annette im Oktober 2001 einen Kaufvertrag unterzeichnet. Immerhin fünfzehn Pioniere aus Frankfurt und Hamburg haben sich als Neubürger zusammengefunden. Manche haben sich zum Erwerb eines Hauses zusammengetan, andere begnügen sich mit einem Zimmer im Motel, das mit seiner Tiki-Optik sicher zu den Design-Highlights am Highway 90 zählt.

"Das ist das Beste, was ich je gemacht habe", ist Annette von der Lobo-ldee überzeugt. Und Überzeugung ist mit Sicherheit das Wichtigste für ein solches Vorhaben, bei dem es ums Dachdecken in Gluthitze, um Steineschleppen, Brunnenbauen, um Klapperschlangen, das Entfernen von zahllosen Tumbleweeds aus dem Pool und die existenzielle Frage geht, ob man diese in der Wüste einfach so verbrennen kann, ohne dabei das kleine Dorf in Schutt und Asche zu legen. Das Zweitwichtigste ist ein weißer Stetson. Aber den gibt's im Hardwarestore.

(c) 2002 Journal Frankfurt
[ Original-Artikel ]

Warum machen Menschen so etwas? Die Lobonitos sehen in Lobo die Abkürzung für "Low-Life Bohemians", das Gegenmodell zu den Bobos aus der bourgeoisen Ecke. Wenig Geld, aber viele Ideen und ein Schaffensdrang, der in der heimischen Gesellschaft keinen rechten Platz finden, sondern schlimmstenfalls zwischen Schrebergartenfantasien und Tresen enden würde, das eint die Lobo Citizens möglicherweise.

Annette zuckt die Schultern, weil sie nur ihre eigenen Beweggründe kennt. "Die Gründe sind bei jedem anders. Manche wollen einfach in Ruhe gelassen werden, andere wollen endlich die Freiheiten ausleben, die es zu Hause nicht gibt." Sie zurn Beispiel. Hartnäckigkeit in der Umsetzung von kleinen urbanen Utopien beweist die als Kuratorin und Galeristin in der Off-Kunst-Szene bekannte Frankfurterin seit zehn Jahren. Schon in der Galerie Fruchtig am Ostgüterbahnhof gab sie die Calamity Jane der Kulturszene und setzte eigenwillige Akzente mit Ausstellungen, Aktionen, Konzerten oder Dingen, die durch alle gängigen Kategorien hindurchfallen. Wie mit dem legendären Burn-out eines Dragsters, dem ohrenzermatschenden Getöse der durchdrehenden Reifen eines Fantasie-Boliden, das der Künstler Max Frazee eines Nachts zwischen Güterzügen und Gleisen veranstaltete. Oder der Umwandlung der Galerie in einen wabernden Dschungel oder einen wandelbaren Bungalow. Ihr Veranstaltungsprofil ist zwischen Hoch- und Popkultur, zwischen Event und eigenbrödlerischer Insider-Veranstaltung nach gängigen Kriterien nicht richtig greifbar. Aber meist leicht daran wiederzuerkennen, dass es irgendwo ganz heftig glitzert. Äußerlich, so wie ein Showvorhang oder ein Elvis-Kostüm aus rosa Lametta. Aber auch innerlich, aus einer entwaffnenden Begeisterung heraus, wie man sie für gewöhnlich nur noch ganz selten in Kinderzimmern antrifft. Denn ein ungebrochener Drang zum Cowboyspielen ist ganz entscheidend in Lobo, Texas. Es geht dort eher um das Experimentieren jenseits der heimatlichen und dicht an den eigenen Grenzen als um das Häuslebauen fürs Altenteil.

(c) 2002 Journal Frankfurt
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Dabei ist das Freizeitangebot im südwestlichsten Zipfel des Staates Texas durchaus vielseitig: Man kann zum Beispiel eine Herde Emus zum Narren halten, indem man mit hochgerecktem Arm und an angewinkelter Hand so tut, als sei man einer der ihren - sie glauben es bereitwillig. Oder einen Spaziergang in die Guadalupe Mountains machen, bis einen das Klapperschlangenklappern zum Umkehren auffordert. Oder dem Kürbisfarmer von nebenan winken, sollte er irgendwo am Horizont auftauchen und auf dem Traktor vorbeikommen, auch wenn es ihm dieses Jahr schon wieder die Ernte verhagelt hat. Und der Pool inmitten des Dorfes ist natürlich nicht zu vergessen. Einen Sport- und Bademeister gibt es in Lobo nämlich ebenfalls, auch wenn der Pool nach zwei Tagen zugesandet sein dürfte. Ansonsten empfiehlt sich eine ausgeprägte Verandasitzermentalität. "Selten etwas Schöneres gesehen als den endlosen Güterzug der Union Pacific Railway, wie er mit seinen unzähligen bunten Containern vor den Bergen in der Abendsonne die Wüste durchquert", beschreibt Annette. Besonders schön, wenn man es von der eigenen Terrasse aus beobachten kann, die Füße auf der Brüstung und den Hut in der Stirn, und von der anderen Seite ein Tumbleweed oder ein Gürteltier vorbeihüpft. Lobo ist der ultimative Off-Space, der perfekte Anti-Event. Bis auf eine Ausnahme im Jahr. Auch wenn derzeit noch eine hartnäckige Staubschicht darüber liegt: Lobo soll funkeln wie Las Vegas, wenn am 16. Mai die großen dreitägigen Eröffnungsfeierlichkeiten begirnnen. Mit allen Mietern, einer Menge Freunden, Bands und Künstlern aus Deutschland, und hoffentlich einer Schar von Einheimischen aus dem benachbarten Van Horn, wo sich der Pioniertrupp im Herbst mangels bewohnbaren Raums im eigenen Dorf dankbar niedergelassen hatte. Seither verügt Lobo immerhin schon über ein instand gesetztes Rathaus, einen Dorfplatz namens "New Bernem", benannt nach Frankfurter Stadtteil Bornheim, ein Duschhaus und eine Reihe von charmanten Straßennamen wie Hank-Williams-Drive oder Marvin-Gaye-Way.

Was soll man also noch hier am Main, wo doch die große Wildwestsehnsucht plötzlich eine richtige Adresse hat? Dort hängen die Fensterläden zwar noch ein bisschen schief und von Möblierung kann keine rechte Rede sein. Aber egal, Lobo wird vermutlich nie wirklich fertig werden, höchstens komplett. Was dann daran erkennbar sein wird, dass zurn Beispiel im Elvis-Presley-Boulevard 4 der weiße Stetson an der Tür hängt.

Silke Hohmann

('Journal Frankfurt' 09/03, 29.04.2003, Seite 30-33)



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