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Lobo in der Presse: Frankfurter Rundschau (16.05.2003)

Veröffentlicht in 'Frankfurter Rundschau' vom 16.05.2003, Seite 8:

Neu-Bornheim, Texas
Vision heißt Freiheit und Freiheit heißt Kultur: Drei Frankfurter Künstler haben sich das Wüstenkaff Lobo gekauft

Eine schnurgerade Straße, ein paar niedrige Büsche, am Horizont eine Bergkette, Ausläufer der Guadalupe Mountains. Wenig mehr als Staub und Steppe. Weite, Breite, Halbwüste, hohe Wolken, hier und da kreuzen Weidezäune den Blick. Eine endlose, eine alliterative Landschaft im Dunstkreis des Rio Grande, auf die sich die Westernindustrie einst ihre romantischen Zelluloidreime machte.

Rund um den westtexanischen Ort Lobo, gerade einmal so groß wie acht Fußballfelder, zirka 1200 Meter hoch- und etwa 130 Meilen östlich von El Paso gelegen, ist und steht nichts herum außer vereinzelten Farmen und hunderten Kühen, die das spärliche Grün fressen, solange sie sich nicht auf den Highway 90 verirren und von einem der vorbeibrummenden Trucks umgemäht werden.

Wo nichts ist, soll etwas werden. Wo die Schauplätze der filmischen Reigen waren, soll ein Traum wahr werden, ein Traum vom Ausstieg und vom Neuanfang, vom Abenteuer und vom Anderssein. "Aufbau Wildwest", "Lobo - Stadt mit Pool für eine Handvoll Dollar", "Die glorreichen Drei": So lauten Überschriften diverser Artikel, die über das Projekt dreier Frankfurter Freunde berichteten, das auf der vor Dokumentationsmaterial schier berstenden Webseite www.lobo-texas.com vorgestellt wird unter dem Motto "Lobo, Texas: Where Your Dream Comes True".

Annette , Kuratorin der Galerie Fruchtig und am Mousonturm, der IT-Fachmann Claus-Peter und Alexander , ehemaliger Betreiber des Frankfurter Dreikönigskellers, kauften das vom Culberson County ausgeschriebene und seit 1991 ausgestorbene Städtchen im Oktober 2001 für einen fünfstelligen Betrag vom letzten Eigentümer John Landry, obwohl eigentlich keiner das Geld dafür übrig hatte. Doch der Wunsch, eine Pioniertat zu vollbringen, war größer. Und "die Möglichkeit, sich zu verwirklichen", sagt , die Möglichkeit, einen "Freiraum zu gestalten und nicht in ein Schema gepresst zu werden", lockte. Man wagte den Schritt über den großen Teich, mitten hinein in die Einöde, in ein Ruinendorf, in dem bloß noch ein paar Steine auf ein paar anderen Steinen standen und das Dach über dem Kopf das Himmelszelt war.

"Lobo ist ein Fleckchen mit Seele", schwärmt . "Es liegt wunderschön zwischen zwei Bergketten, und nachts leuchten Milliarden Sterne vom Himmel." Einen ähnlichen Eindruck dürfte Lobo auf Alexander gemacht haben, als er 1976 während einer Motorradreise erstmals durch das damals noch bevölkerte Kaff gefahren war. Jahre später kam er wieder vorbei, und da war es um ihn geschehen. "Er begann zu träumen", schreibt die texanische Zeitung Big Bend Sentinel, "was aus dieser Stadt werden könnte."

Jahrzehnte danach, im März 2002, trafen sich , , und mit einigen Sympathisanten in Frankfurt, zeichneten eine Karte von Lobo und planten den Wiederaufbau.

Dass man sich alle romantischen Vorstellungen abschminken müsse, ließ dabei nicht unerwähnt: "Ihr werdet Steinhaufen finden, die Häusern entfernt gleichen, mit löchrigen Dächern. Erwartet keinen Deut mehr." Im Mai vergangenen Jahres empfangen den Restaurationstrupp an den einstimmend und paritätisch benannten vier Straßen Elvis Presley Boulevard, Hank Williams Drive, John Coltrane Avenue und Marvin Gaye Way fünf bescheidene, marode Häuser, eine verwahrloste Tankstelle, ein eingefallenes Motel, ein prähistorischer Saloon, eine kaputte Mehrzweckhalle und ein verkommenes Duschhaus. Immerhin, die Temperaturen von um die dreißig Grad wirken bei trockener Luft belebend. Müllhalden werden beseitigt, über Generationen angesammelter Schrott und Schutt wird zusammengetragen, die Wellblechdächer der Tankstelle und des jetzt Lobo Town Hall genannten Veranstaltungszentrums werden instand gesetzt.

Teer, Dachpappe, Schweiß, Halstuch, Baumwollhemd, Stetson: Vor die Kultur, die hier einmal jenseits der Zwänge der europäischen Enge in Freiheit und freundlicher Atmosphäre gedeihen soll, hat Gott die Arbeit gesetzt. Die Frankfurter Family, der sich Künstler und sonstige Interessierte aus Hamburg und Wiesbaden anschließen, rackert und ackert. Man schaufelt Sand aus dem Swimmingpool, hämmert, mörtelt, verputzt. Mauern werden hoch-, Zargen werden eingezogen, Leitungen verlegt, Toiletten installiert. Das Nowhere ist ein Heimwerkerparadies. Die Hauptleitungen für Strom, Gas und Telefon sind von großen texanischen Unternehmen erneuert worden. Der achtzig Meter tiefe Brunnen liefert stündlich mehr als 75 Liter Wasser. Mitte des 19. Jahrhunderts hatte man die Van Horn Wells entdeckt, getauft nach der zwölf Meilen nördlich gelegenen Kreisstadt Van Horn. Der Wasserader verdankt Lobo seine Geschichte als Poststation, seit 1882 als Eisenbahndepot und Verladestelle. Noch heute verläuft in der Nähe die Trasse der Union Pacific Railway, deren Züge jedoch nur in Van Horn halten, wo kleine Läden den täglichen Bedarf an Lebensmitteln decken und insgesamt zwanzig Restaurants zu finden sind. Lieber aber bleiben die Sanierer und Häuslebauer abends in Lobo. "Selten etwas Schöneres gesehen als den endlosen Güterzug der Union Pacific Railway, wie er mit seinen unzähligen bunten Containern vor den Bergen in der Abendsonne die Wüste durchquert", sagt Annette . Das, was sie gerade tue, sei das Beste, was sie jemals gemacht habe.

Naturgemäß geht hier die Sonne unter wie im Film, und tagsüber ist der Himmel meist so blau, wie es sich Postkartenhersteller erträumen. Weniger idyllisch verlief Lobos Historie. Lobo, spanisch Wolf, das der einstigen Rudel wegen so heißt, erfuhr Anfang des vergangenen Jahrhunderts einen gewissen Aufschwung, zwanzig Einwohner siedelten rund um den General Store und eine Autowerkstatt. Anfang der Sechziger waren es dann sogar fast hundert, bis jedoch plötzlich durch Übernutzung der Wasserspiegel drastisch sank und der Bau des Bahnhofs in Van Horn Lobos Untergang besiegelte. Zwei Versuche Anfang der siebziger und gegen Ende der achtziger Jahre, Lobo wiederzubeleben, scheiterten. 1991 wurde Lobo zur Ghost Town, zur Geisterstadt.

"Das Betreten des Grundstücks ist nur Personen gestattet, die die schriftliche Vollmacht dazu von Alexander , Annette , Claus-Peter erhalten haben", legt die Nutzungsordnung fest. Die rechtlosen Zeiten des Wilden Westens sind somit perdu. Seit dem 5. November 2001 verwalten die Drei in gerechter bürgermeisterlicher Arbeitsteilung ihr An- und Gemeinwesen. kümmert sich vorrangig um den Internetauftritt, um die Baumaßnahmen, "und Annette ist die Visionärin", sagt . Vision, das meint mehr als die geplante Errichtung eines Golfplatzes, eines Badmintonfeldes und eines Hundespielplatzes, mehr als die ein wenig tüddelig und verquer anmutende Faszination an der Heimeligkeit in der Fremde, die Western-"Ursprünglichkeit" () verbürgen soll. Vision meint Freiheit und Freiheit meint Kultur, freie Kultur. Im Gegensatz etwa zur ungefähr fünfzig Meilen weiter südlichen Künstlerkolonie in Marfa, die Donald Judd für begüterte Bohemiens, so genannte Bobos, Bourgeois Bohemians, gegründet hat, schreiben sich die Frankfurter die Do-it-yourself-Haltung der Low Life Bohemians, der Lobos, aufs Panier.

Lobo soll einerseits ein angenehmer Ort werden für Leute, die einfach mal nichts tun wollen, andererseits aber für gebildete, nach künstlerischer Betätigung strebende Metropolenmenschen. Mit Beschwerden über die geldpotente Repräsentationskultur hält sich Lobos Kulturdezernentin deshalb auch nicht zurück. In Europa verschwänden die interessanten subkulturellen Ansätze, weil die Kulturpolitik die Unterstützungen streiche. Der Geste der Ermüdung entspricht die Abkehr von anderen lästigen Dingen. "Politik findet keine Auswirkung in diesem entlegenen Landstrich", teilen die Visionäre der Internetwelt erleichtert mit.

Gleichwohl, nicht den alternativen Toskanarückzug, nicht bloß einen rein rekreativen Teilzeitlebensentwurf soll Lobo verkörpern, sondern ein Sprung nach vorne ist anvisiert. Eine Art widersprüchlicher Gigantismus im Kleinen zeichnet sich ab, wenn hofft, dass der experimentelle Kulturstandort "nach und nach größer und größer wird, wie ein Schneeball", und man hört, Lobo solle funkeln wie Las Vegas. Ein Anfang ist gemacht. Der Dorfplatz heißt nun New Bernem, Neu-Bornheim.

Noch keine zwanzig Bewohner zählt Lobo. Wer das Projekt mit einer einmaligen Spende von 200 Euro unterstützt, erhält lebenslanges Gast- und Aufenthaltsrecht sowie den Titel "Friend of Lobo". Wer 50 Euro drauflegt, darf sich "Good Friend of Lobo" nennen, verewigt auf der Ehrentafel an der Town Hall; bei 500 Euro aufwärts reicht's zum "Honory Citizen of Lobo".

Dass nicht wenige dem Ruf der Frankfurter folgen, scheint nicht unwahrscheinlich. Das Gästebuch der Webseite preist "die Insel der Seligen", "das viel beschworene Lobo", den "Ort der freien Gedanken und Herzen" in "Zeiten des Stresses, des Hochgeschwindigkeitslebens, des Verbrechens und Terrors", kurzum: "das ideale Projekt für kinderlose Singles, fernab von allem Kinderlärm, Familienpolitik-Diskussionen und Pisa-Problemen". Ein Problem allerdings bliebe: "Darf man selbst gekelterten Ebbelwoi in die USA einführen?", fragt ein Frankfurter Gastronom. Vom 16. bis zum 18. Mai wird das erste Lobo-Kunst- und Musikfestival stattfinden mit Künstlern aus Deutschland und den USA. Höhepunkt soll eine Performance des Gitarristen Ike Anger auf dem Dach der Tankstelle sein. Ob es das aushält, ist unklar. Vielleicht muss Anger auf dem Boden spielen, räumt Alexander ein, zurückgeholt aus der lauen Luft der Träume.

Von Jürgen Roth

('Frankfurter Rundschau', 16.05.2003, Seite 8)



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