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Lobo in der Presse: Frankfurter Rundschau Magazin (29.07.03)

Veröffentlicht in 'Frankfurter Rundschau Magazin', 26.07.2003, Seite 3:

Stadt der Teilzeit-Texaner

Das Ex-Geisterdorf Lobo lebt. Eine Hand voll Deutscher möbelt das US-Wüstenkaff gerade auf. Die Wiedereröffnungsparty wurde zu einem absurden Theater vor grandioser Kulisse.

Von Silke Hohmann

(c) 2003 Frankfurter Rundschau Magazin
[ Original-Artikel ]

"Did you drink the piss of the devil?" Jeder Konsonant ein vernichtender Zischlaut, jeder Vokal ein Echo aus der Hölle. Der Reverend der "Church of Elvis" hält mit inquisitorischer Geste und finsteren Blicken auf die Zuspätkommer eine Flasche texanischen Lone Star Beers in die Höhe, als sei das Böse persönlich darin abgefüllt. Weiß doch jeder, dass der King nicht Bier, sondern schwarzen Filterkaffee und Familienpizzen gepredigt hat. Und hier, in der spontan zusammengerufenen Glaubensgemeinde von Lobo, Texas, eifert man schließlich den Idealen dieses Rock'n'Roll-Heiligen nach: Es gilt, Glamour, Trash, mögliches Scheitern und die ganz großen Momente zu einem Gesamtkonzept zu vereinen.

Eigentlich findet die Predigt nicht in einem Gotteshaus statt, sondern in einem von sechs dürftig renovierten Abrisshäusern in der Wüste zwischen Mexiko und Texas. Eigentlich ist Reverend Claus-Peter auch kein Priester, sondern IT-Fachmann aus Frankfurt. Aber eigentlich ist Elvis ja auch gar nicht am Kreuz für uns gestorben, sondern lebt noch.

Kein Zufall, dass die Adresse für die bizarre Sonntagsmesse "Elvis Presley Boulevard 4" lautet. Die Neubürger der vormaligen Geisterstadt Lobo haben ihre Straßennamen einfach nach persönlichen Präferenzen ausgewählt - wie alles andere auch. Lobo liegt im wüsten Niemandsland der Chihuahua Desert nahe der mexikanischen Grenze. Im Vorbeifahren auf dem schmalen und über viele Stunden weitgehend ereignislosen Highway 90 mag der Ort wirken wie eine weitere heruntergekommene Siedlung, sofern man überhaupt darauf aufmerksam wird. Von innen betrachtet - zum Beispiel vom türkis gestrichenen, nierenförmigen Pool aus - ist Lobo dagegen der in Erfüllung gegangene Traum einer kleinen Gruppe von Deutschen, die das verlassene Wüstennest gekauft und es sich als Refugium zurecht gezimmert haben.

(c) 2003 Frankfurter Rundschau Magazin
[ Original-Artikel ]

war einer der drei Initiatoren; mit ihm machten sich der ehemalige Bar-Besitzer Alexander und die Kunstszene-Aktivistin Annette auf nach Texas. Die zuckt auf die Frage nach dem "warum" mit den Schultern. "Es gibt keinen einheitlichen, gemeinsamen Grund," stellt Annette auf die Warum-Frage fest, die schließlich naheliegend ist bei einer abseitigen Landübernahme wie dieser. Hatten die Drei das Dorf doch so gut wie ungesehen gekauft, und auch keiner der anderen zwölf Bewohner hatte eine genaue Vorstellung, was ihn nach dem Erwerb erwarten würde: Steinhütten mit maroden Dächern. Aber hier geht es auch nicht um Immobilien fürs Altenteil, sondern um die Annäherung an einen diffusen Freiheitsbegriff, der irgendwo vor langer Zeit zwischen Playmobilpferden und Karl-May-Büchern entstanden sein muss und sich hier in einer fast physisch spürbaren Grenzenlosigkeit manifestiert. Lobo ist ein Ferienort einer Kategorie, die sich in keinem Reiseprospekt findet. "Manche wollen einfach in Ruhe gelassen werden, andere wollen endlich die Freiheiten ausleben, die es zu Hause nicht gibt," beschreibt Annette . Sie selbst zum Beispiel, die seit zehn Jahren unter dem Gründungsnamen "Galerie Fruchtig" in Frankfurt an verschiedenen Orten wie Industriegebieten, Tankstellen oder umgewidmeten Ladengeschäften versucht, Pop- und Hochkultur, Musik-, Kunst- und Barbetrieb zu verbinden.

Auch Lobo trägt unverkennbare Merkmale einer -Idee. Es funkeln bunte Lichterketten, es läuft Hank Williams, es gibt an der hawaiianisch inspirierten Tiki-Bar ein künstliches Blätterdach mit Plastikrosen, kurz: Es ist alles so, wie Annette es in Frankfurt auch immer inszeniert hat. Nur, dass hier zwei lästige Faktoren ganz und gar wegfallen: baubehördliche Auflagen und Anwohner-Beschwerden.

Beschwert hat sich bei dem dreitägigen Einweihungsfest, mit dem sich hauptsächlich aus Frankfurt stammende Lobonitos ihren neuen Nachbarn vorstellten, nämlich überhaupt niemand. Wobei das Wort Nachbar in der Wüste bis zu drei Stunden Autofahrt bedeuten kann oder auch eine Reise quer durch Texas, das so groß ist wie Deutschland und die Beneluxländer zusammen genommen. Einige kamen aus zwei Stunden entfernt liegenden Ortschaften angereist, weil sie von diesem guten Kartoffelsalat gehört hatten. Und Marc, der Anwalt aus Austin, hatte aus dem Internet von der kuriosen Kolonie erfahren, kam mit einer Kühlbox voller Bier quer durch den Bundesstaat angereist, um mal zu gucken, und blieb dann drei Tage.

Betreten nehmen die verspätet zur Messe erschienenen Brüder und Schwestern der kleinen frei erfundenen Gemeinde der "Church of Elvis" auf den hinteren Campingstühlen Platz. War tatsächlich etwas später geworden gestern, und der Vorwurf mit dem Bier kommt auch nicht ganz unberechtigt. Konnte aber auch keiner ahnen, dass die einheimischen Gäste ihre Bierdosen zur Party selbst mitbringen und so einen unbeschreiblichen Überfluss an Lone Star und Budwiser verursachen würden.

Zum Beispiel Moondog, der sein Bier in einer rollenden Kühltruhe nach Lobo brachte. Solche Konstruktionen sind schließlich sein Hobby. Der Eisenbahn-Elektriker, der aussieht, wie die deutsche Band Truck Stop es sich immer erträumt hatte, tüftelt wüstentaugliche Fahrräder aus. Zur Feier von Lobo hat er außerdem das Ortsschild mitgebracht, das von Einschusslöchern zersiebt ist. "Hab es vor zehn Jahren hier geklaut, aber jetzt braucht ihr es wieder." Als weiteren großartigen Beitrag entfernt Moondog eine heran nahende Klapperschlange. Mit der Hand. Demnächst will er sich das Killerbienen-Nest in der Tankstelle vornehmen. In dem kleinen Laden habe es früher weit und breit die besten Kuchen gegeben, erzählt man sich, und Klavierstunden konnte man dort auch nehmen. Lobo, die Geisterstadt mit Pool, muss einmal ein guter Ort gewesen sein. Und die Menschen, die das noch wissen, freuen sich sichtlich darüber, dass er es nun wieder ist.

So widerfährt den deutschen Teilzeit-Texanern Respekt für das hartnäckige Verfolgen ihrer unvernünftigen Idee. Hier setzt schließlich das meiste konventionelle Denken irgendwann einfach aus. Im Westen von Texas verteilen sich weniger Menschen auf mehr Fläche als irgendwo sonst in den Vereinigten Staaten, und Durchschnitts-Charaktere sind deutlich in der Unterzahl. Deshalb funktioniert die Eingemeindung der Bürger von Lobo auch so gut. War das unwirtliche Gebiet doch schon immer ein Anziehungspunkt für Individualisten und optimistische Stoiker, die vor irgendwas oder einfach ganz allgemein das Weite suchen. Das Weite, das gibt es hier nämlich wie Sand am Meer. Sogar der Sternenhimmel fängt direkt am Horizont an und erscheint ungefähr fünf Mal höher als irgendwo sonst.

Die Anerkennung der eingesessenen Texaner gilt auch der Arbeit, die die neuen deutschen Nachbarn hier in die verrotteten Häuser investiert haben. Es heißt schon was, drei Wochen lang bei bis zu 50 Grad Celsius oder Sandsturm Dächer zu decken und 40 Mal hintereinander im Dauerlauf Schutt über den großen Platz zu fahren, damit die Schubkarre nicht stecken bleibt. Klar, dass auch der Kassierer aus dem nächsten erreichbaren Baumarkt auf der Party vorbeikommt, um zu sehen, was aus den Massen an Dachpappe, Dämmmaterial und Latten nun eigentlich geworden ist.

Geworden ist daraus in den meisten Fällen zunächst nicht mehr als ein Rohbau mit dichtem Dach ohne Türen und Fenster. Aber auch nicht weniger. Die sieben Häuser, einschließlich des Motels, dessen vier Zimmer einzeln verkauft wurden, waren zuvor in genau dem Zustand, den man sich nach 20 Jahren Leerstand in dieser Gegend so vorstellt. Jetzt sind die Bungalows kurz vor notdürftig bewohnbar, und das war ein langer Weg. Die meisten Lobo-Bürger zogen daher vor, sich im 20 Minuten entfernten Van Horn im Motel einzuquartieren und sich jeden Morgen bei Sonnenaufgang einen Burrito bei Chuy's zu bestellen, um sich dann wieder aufs eigene Dach zu schwingen.

Chuy und Marie-Louise aus Chuy1's Diner in Van Horn sind gekommen, um ihre regelmäßig erscheinenden Frühstücksgäste nun auch einmal zu besuchen. Die Freunde Nooney und Rooney haben es sich auch nicht nehmen lassen. Einer der beiden ist gleichzeitig Lehrer, Bürgermeister und FedEx-Fahrer. Wobei Letzteres hier mangels Einwohnern und Zeitnot nicht zu den anstrengendsten Jobs gehört. Paul dagegen, ehemals Industrieller aus Houston, stellt sich in einer bemerkenswerten Reihenfolge vor: "Mein Name ist Paul, ich habe 800 Kühe, und ich habe da hinten vor einigen Jahren Land gekauft." Das Brandzeichen seiner Herde hat er sich hinten in seinen Klapperschlangengürtel eingebrannt, die Hose steckt in den Stiefeln und der Kopf unter einem imposanten Hut. Eigentlich kann das alles gar nicht wahr sein, ist es aber. Ist ja Texas.

Ein paar Männer in Badeschlappen probieren den Hula-Hoop-Reifen aus, bis eine freundliche Mexikanerin in Rot ihnen vormacht, wie's geht - und zwar zwischen Schultern und Kinn. Eine Horde Kinder springt im Pool herum, in dem schon ihre Eltern schwimmen gelernt haben, und der auch seitdem nie wieder bewässert worden ist. Der 90-jährige Vater des Gitarristen Ralph, der aus einem Nachbarort zum Eröffnungs-Festival mitkam, guckt den jungen Frauen nach und trinkt Dr. Pepper-Limo, er hat sich den Fuß verknackst und braucht ausnahmsweise eine Gehhilfe. Ein Frankfurter Künstler erfindet indessen flugs eine Barbecuesauce aus Senf und Thunfisch, während im Hintergrund vor der Bergkette der Zug der Southern Pacific Linie mit seinen gelben und roten Waggons vorbeifährt. Es läuft sehnsüchtige Countrymusik und alle lachen. Und Boyd, der aussieht, als sei er die Vorlage für Jack Nicholson gewesen, erzählt einem der Frankfurter Lobo-Bewohner, wie er damals in L.A. Videos für die Scorpions produziert hat.

Jeder neue Gast freut sich derweil, persönlich durch die Ausstellung geführt zu werden, denn Annette hat in bewährter Tradition einen Koffer voller Kunst mit hergebracht. Einige der Künstler sind sogar selbst angereist, um Zeichnungen, Skulpturen und Installationen in den leeren Häusern aufzubauen und aufzuhängen. Vom Architekturstudenten aus New York bis zum Schrotthändler aus der Gegend, vom elfjährigen Einheimischen, der seine sturzbetrunkene Familie nachts heimfährt, bis zu Mitarbeitern der von Donald Judd ins Leben gerufenen, renommierten Chinati-Foundation treffen sich hier alle am Grill oder Pool oder am Auto.

Die Gemeinde erhebt sich feierlich aus den Stühlen, doch welcher Gesang soll angestimmt werden? "In the Ghetto" wird empört abgelehnt, man ist schließlich überaus freiwillig hier. "Muss i denn" ist da schon treffender. Das passt zu diesem gewisse Dauerfernweh, das manche Menschen schon früh auszeichnet und sie von den anderen Lieben daheim für immer und deutlich unterscheidet, und das womöglich die Ursache für Projekte wie Lobo ist. Reverend ist zufrieden. Bevor jetzt alle wieder ihrer Arbeit nachgehen, auf der Veranda sitzen, Eidechsen aus dem Pool retten oder die Marinade für das nächste Barbecue anmischen, muss er noch etwas berichten: Elvis ist gerade kürzlich wieder gesehen worden. Er deckte Dächer in einer kleinen Geisterstadt in Texas.

TEXT: SILKE HOHMANN

(Frankfurter Rundschau Magazin, 26.07.2003, Seite 3)



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